Archiv der Kategorie 'allgemein'

05
Dez
11

Gabriel und die Kommunen

Eine lebendige, eine rethorisch starke Rede konnten die Parteitagsdelegierten, Gäste, Presse und alle Zuhörenden erwarten. Sie wurden nicht enttäuscht. Launisch, kämpferisch und mit einer gewissen Prise Selbstkritik garniert, lieferte Gabriel das ab, was wohl auch erwartet worden ist.

Ein Schwerpunkt dabei waren die Kommunen.

Wer die Kommunen als unverzichtbares Element der Gesellschaft identifiziert, hat eine wesentliche Erkenntnis errungen. Wer die Sozialdemokratie als DIE  wesentliche kommunale Partei in Deutschland beschreibt, der hat verstanden, dass Gleichberechtigung, Solidarität und Freiheit der Menschen in der Entwicklung der Kommunen liegt.

Es ist also wichtig, dass die SPD auch weiterhin in den Kommunen stark verankert bleibt, um die Gesellschaft dort gestalten zu können. Es ist also wichtig, dass die SPD die Entwicklung der Kommunen vorantreibt, um den Zusammenhalt der Gesellschaft sichern zu können und die moderne Gesellschaft eine solidarische ist.

Demgegenüber stehen jedoch die zunehmend neuen Aufgaben der Kommunen und die zahlreichen externen Einflüsse wie sie mit dem Schlagwort Strukturwandel all zu häufig umschrieben werden. Die finanzielle Grundlage insbesondere der Großstädte in Deutschland ächzen unter den wachsenden finanziellen Belastungen und den schwankenden finanziellen Einnahmen.

Das Bekenntnis zu den Kommunen und den kommunalpolitischen Sozialdemokraten ist daher sicher lobenswert. Wichtiger wäre jedoch, die Bekenntnisse endlich in handfeste Politik zu gießen. Temporäre Finanzierungsübernahmen von Instrumenten und Maßnahmen wie zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder der Herstellung von Chancengleichheit sind Wohltaten für die Legislaturperiode. Mit dem Ende der Finanzierungszusagen sind die Scheinwerfer aus, die MdBs wiedergewählt, die Nachrichtenlage weiter gezogen. Die Menschen in den Städten haben die sozialdemokratischen Errungenschaften schätzen gelernt und ein Rückbau von KiTas oder schulischer Ganztagsbetreuung ist in einer modernen Gesellschaft nicht mehr vorstellbar.

Die Kommunen scheinen aber gerade das letzte Glied in einer langen Kette der haushaltspolitischen klammen Kassen. Der Bund muss sparen, die Länder müssen sparen und nicht selten werden diese Einsparungen auf Kosten der Kommunen gemacht. Härtestes Beispiel ist insbesondere die Streichung der Förderungen im Bereich der Stadtentwicklung und der Sozialen Stadt. Das ist Raubbau an der Kommune zur Erfüllung der Schuldenbremse.

Es steht zu befürchten, dass die Bundesländer ähnlich verfahren (müssen). Ebenfalls gehen Steuersenkungen insbesondere bei der Gewerbe- und Einkommenssteuer zu Lasten der Kommunen.

Es ist also höchste Zeit, die kommunalen Finanzen neu und ehrlich zu ordnen. Krisenfest und die neuen Aufgaben berücksichtigend müssen die Maßstäbe sein, die bei einer Neuausrichtung von Bedeutung sind. Außerdem ist es an der Zeit, den Soli nicht mehr nach geographischen Richtungen zu verteilen, sondern insbesondere jenen Kommnuen zu helfen, die den Strukturwandel und die damit verbundenen gesellschaftlichen Verwerfungen organisieren und überwinden müssen.

Sigmar Gabriel und sein neu gewählter Vorstand muss dieses Eisen anpacken, wenn er und die SPD sich weiter auf auf die kommunalpolitische Stärke verlassen will.

Die Rede von Gabriel nachlesen? Wirklich? Dort: spd.de

12
Okt
11

Die Thier- Galerie? Ein echter Glücksfall für Dortmund

Endlich ist es soweit. Mit dem Auto in die Innenstadt, im Parkhaus parken und mit dem Fahrstuhl direkt in den Tempel einfahren. Warum hat eine solche Erfindung so lange auf sich warten lassen? Seit Jahrzehnten war die Shoppinglaune vom Wetter abhängig. Die Jahreszeiten bestimmten das Geschehen. Nun aber ist Abhilfe geschaffen: Die Thier- Galerie ist da. Niemand muss mehr durch Schnee stapfen, um sich neue High- Heels kaufen zu müssen oder bei 35 Grad im Schatten auf der Suche nach einem Regenponcho zu scheitern. Selbst der Verköstigungsgelegenheit für den belohnenden latte macchiato im Starbucks ist direkt integriert. Trendsetter setzen natürlich auf den Bubble Tea – ebenso wie man sich heute auch in eine Schlange anstellt, um in einen Laden hineinzukommen, anstatt erst vor der Kasse Schlange zu stehen.
Ein echter Glücksfall für Dortmund also!
Die Menschen strömen in Scharen in die Thier Galerie, die Fußgängerströme scheinen sich schon nach wenigen Tagen in den westlichen Teil der Hellwegeinkaufspassage zu verlagern und endlich kann in Geschäften wie Buttlers, NANU NANA oder Lütgenau wieder entspannt eingekauft werden. Dort ist der Hellweg ist endlich wieder begehbar. Er lädt fast zum Flanieren ein. Der Platz und Raum für einen Einkaufsbummel ist wieder da. Die Schaufenster sind wieder zu sehen und die Schlangen an den Kassen sind auch kürzer geworden. Einlassbeschränkungen braucht da offensichtlich niemand (mehr).
Ein echter Glücksfall für Dortmund also!
33.000m² echtes Shoppingparadies scheinen das Angebot in der Dortmunder Innenstadt gänzlich abzurunden. Knapp 40% der Geschäfte in der Thier- Galerie gab es vorher nicht in Dortmund. Alte Platzhirsche wie Voswinkel haben Platz für neue Geschäfte gemacht, als sie sich entschlossen, in die Shopping- Mall einzuziehen. Allein die Architektur gibt den Dortmundern etwas, wonach sie sich so sehr sehnen: Dortmund eine Stadt mit Historie jenseits von Kohle, Stahl und Bier. Die fast schon berlinerisch/preußisch anmutende Fassade erscheint wie eine Insel, eine Oase, eine Weißsagung gar zwischen all den Gebäuden aus dem Wiederaufbau und der Wirtschaftswunderzeit. Dortmund ist wieder wer. Schaut her, liebe Weitgereisten, schaut her liebe Tanten und Onkels aus München, Hamburg, Leipzig und Berlin: Wir haben ebenfalls wertvollen Baubesatz. Diesen zu feiern können wir gleich das Schöne mit dem Schöneren verbinden: Shopping bei konstantem, idealem Shopping- Klima mit den besten Geschäften und den exklusivsten Angeboten der ganzen Stadt – ja des ganzen Ruhrgebietes.
Ein echter Glücksfall für Dortmund also!
Und Kritik? Sicherlich kann die Gefahr bestehen, dass andere Geschäfte existenzgefährdende Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Aber sie müssen sich anpassen. Außerdem muss sich eine Stadt doch verändern; mit der Zeit gehen sozusagen. Warum also nicht jenseits der Kleppingstraße ein Quartier schaffen, welches sich durch Wasserläufe, Bäume und Begrünung auszeichnet? Warum nicht, den Geschäftsbesatz dahingehend ändern, dass mehr kleine Fachgeschäfte, Boutiquen oder Spezialisten ihren Weg finden?
Das Bild der Dortmunder Innenstadt wird sich verändern. Eine kluge Stadtplanung, eine kluge Politik wird vorausschauend agieren und frühzeitig Maßnahmen entwickeln, welche den Ostenhellweg ein unverkennbares Gesicht geben werden.
Die Thier- Galerie? Ein echter Glücksfall für Dortmund also!
veröffentlicht: Roter Faden Dortmund
13
Aug
11

Ein U-Boot-Christ taucht auf.

Zugegeben, ein vorzeige Christ war ich nie; werde ich auch wohl nie sein. Dafür bin ich zu politisch. Aber nach mehr als 5 Jahren in Dortmund zog es mich dann doch wieder in die Messe. Ein kurzer, innerlicher Disput entstand. Sonntags um 10? Samstags um 18:00? Die Entscheidung war gefallen. Am darauf folgenden Samstag ging es in die Sankt Gertrudis Kirche. Weiß verputzt von außen; funktionaler Baustil; für eine Kirche verhältnismäßig jung. Ich kenne den Bau seit einigen Jahren und war doch nie drinnen. Vielleicht, weil ich in meiner Schulzeit in jede Kirche rennen musste, die es auf jedem Wandertag zu passieren gab. Vielleicht auch, weil die Kirchen in Dortmund allzu oft nur offen sind, wenn in ihnen eine Messe, Veranstaltung oder ähnliches stattfand. St. Gertrudis also war eine katholische Landmarke in einer protestantischen Dortmunder – nein eher muslimischen Nordstädtischen Gesellschaft.
Ich suchte also mein Gotteslob heraus und machte mich auf den Weg. Von weitem waren die Glocken zu hören. Zumindest die ersten Schritte. Etwa 15 Minuten vor Messebeginn, ich war gerade knapp 100m unterwegs, hörten sie plötzlich auf. Gottes stetige Einladung hört einfach auf. Hektisch schaute ich auf die Uhr. Zu spät war ich nicht. Dauerte das Läuten nicht bis kurz vor dem Beginn der Messe? Wollte Gott meinen Entschluss testen? Ich ließ mich also nicht von meinem Wege abbringen! Stattdessen beschleunigte ich meinen Schritt und kam nach weiteren 400m an der St Gertrudis an.
Ein Lämpchen durch ein Fenster leuchtete. Die Messe schien stattzufinden. Ich versuchte hineinzukommen. Bei der 5ten Tür klappte es. Die sechste war auch auf; Flügeltüren. Was ein Glück. Ich war pünktlich und habe die Hürde des Hineinkommens mit Applaus bewältigt. Ich verließ das Foyer und betrat das Kirchenschiff. Leer. Also fast. Möbel und Bilder waren schon da. Menschen eher nicht. 12 zählte ich. Und da geschah es. Es stand mir und meinem Schritt im Weg. Plötzlich war es einfach da. In der Mitte des Ganges: Jenes Becken mit jenem Wasser, mit welchem sich die Kirchgänger bekreuzigen, wenn sie eine Kirche betreten. 24 Augen schauten mich an. Ein Glück, es war massiv; zumindest massiv verankert und wackelte nicht. Es war keine Schale voll Wasser. Es war ein Brunnen. Mulde, Stein drauf, Wasser aus dem Stein kommend. Modern.
Aber seit wann werden solche elementare Bestandteile plötzlich als Zimmerbrunnen aufgebaut? Dann auch noch mitten im Wege? Ich war irritiert, traute mich nicht, die Bekreuzigung durchzuführen. Schon wieder böse Blicke. Der Küster ordnete die roten Gotteslob Bücher und ließ mich offensichtlich nicht aus den Augen. Ich suchte mir eine Bank (aus). Im hinteren Teil des zweiten Drittels. Ich hatte die Hoffnung, dass weitere Kirchgänger kommen würden und sich vor mir hinsetzen würden. Da war es wieder. Dieses Missverständnis. Es kamen weitere Menschen; sie setzten sich jedoch in meinem Rücken. Also direkt hinter mich. Ich saß quasi in der 10ten Reihe und doch direkt vor dem Altar.
Welch ein Luxus. Freie Platzwahl, freier Blick und keine Enge. Aber es half mir nicht. Ganz rechts außen, in meinem Augenwinkel saßen drei weitere Menschen. Sie sollten mein Anker sein. Eine von diesen dreien war auch noch mobil. Sie sollte mir helfen, wenn ich es wieder durcheinander bringen sollte: Stehen, Sitzen, Stehen, Stehen, Knien, Stehen, Stehen, Knien, Sitzen? Ach ich habe es nie drauf gehabt. Bis heute war es auch nicht notwendig. Die Kirchengemeinden im Osnabrücker und Emsland wussten immer vorauseilend, was zu tun war. Ich brauchte mich also nur zu orientieren. Jetzt fühlte ich mich jedoch beobachtet. Die Altarbelegung vor mir ließ mich nicht aus den Augen (ich war auch wohl der jüngste) und das atmende Pärchen räusperte immerzu in meinen Nacken.
Nun gut. Ich wollte wieder in die Messe und durch die zahlreichen Kommunions- und Firmunterrichtsstunden musste schließlich irgendetwas hängen geblieben sein. Intuitiv ging ich die Sache an. Ich kannte das erste Lied und freute mich, der Melodie folgen zu können. Das Ehepaar in meinem Rücken sang spontan auch so laut, dass ich gar meine Stimme an ihrem Gesang anlehnen konnte. Der Start ist geglückt. Nun konnte es weitergehen. Doch nach zahlreichem Singsang – ich behaupte die Diözese Osnabrück ließ deutlich weniger singen – begann ich zu stolpern. Der Pastor erwartete auf so manchen Ausspruch eine Reaktion der Gemeinde. Ich tat, was ich erlernt hatte. Doch entweder fehlte mir grundsätzlich ein Wort, was nur das Paar in meinem Rücken auffiel, die daraufhin kommentierten, dass ich bald einschlafen würde (!), oder ich ein Wort zu viel sprach, was wiederum der versammelten Gemeinde auffiel. Das zog sich so denn auch durch die komplette Messe; von meinem großartigen Gesang ganz zu schweigen.
So siezte ich, als ich hätte duzen müssen. Ich verweigerte einen Knick, als ich hätte Knicksen müssen. Ich setzte mich, als ich mich hätte knien müssen. Ich sang die erste Strophe, als es die dritte zu singen galt. Ja und vollkommen aus der Fassung geriet ich, als der Pastor vorne am Ende seiner Fürbitten für die Diakone und angestellten der Gemeinde und Kämpfer für den katholischen Glauben seiner Gemeinde einen schönen Samstagabend, einen ruhigen Sonntag und eine gute Woche wünschte. Zu allem Überfluss antworte der Mann des Ehepaares hinter mir lautstark mit echter Ruhrpottbetonung „Danke, gleichfalls“. Mein Mund schwieg, mein Körper jedoch reagierte: ich hob die Hand und machte eine stumme, zustimmende Bewegung.
Dann war es vorbei. Ich verließ die Kirche mit einem Knicks zu viel, fingerte in dem Zimmerbunnen und bekreuzigte mich ein letztes Mal und stand vor der Kirche.

In diesem Sinne: Friede sei mit Ihnen!

03
Aug
10

ein offener brief an die zeugen jehovas

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich außerordentlich über Ihre Einladung zu dem Kongress „Wie kommt man Gott näher?“ vom 21.07. bis 25.07.2010 im Dortmunder Signal Iduna Park.

Ihrer Organisation, die alltäglich mit dem Vorwurf eine Sekte zu sein leben muss, tut einen großartigen Schritt, ihre Veranstaltungen in den Tempeln des Fußballs abzuhalten. Wo sonst liegt Glück und Schicksal, Pech und Verzweiflung, Ohnmacht und Geniestreich so nahe bei einander? An keinem Ort der Welt wird der Boden so intensiv von Schweiß und Tränen getränkt wie in den Stadien. Die Opferbereitschaft, die Selbstgeißelung und die musikalischen Höhepunkte dieser Gläubigen sind für Sie sicherlich ein anzustrebendes Ziel. Vielleicht sehen Sie sogar eine enge Bande oder gar religiöse Verwandtschaft.

Den göttlichen Beistand für die kommende Saison zu erbitten, werden in den kommenden Tagen zunehmend mehr Menschen auf sich nehmen. Viele Fans, ob jene in Leipzig, Braunschweig, Frankfurt, Hamburg, Stuttgart oder Nürnberg werden Ihnen sicherlich dankbar sein, dass Sie sich bereit erklären, die Tempel des Fußballs zu segnen!

Darüber hinaus stelle ich hocherfreut fest, dass Sie Ihren Mitgliedern und Pilgern sowie den Fans in den jeweiligen Stadien auch moderne und aufklärerische Inhalte mit an die Hand geben wollen. Wesentliche Fragen, wie Jehova die Familie festigen könne, müssen auch all wöchentlich am Mittagstisch der Familien der Fans diskutiert werden. Nur eine innere Überzeugung und das Wissen, dass der Fußball die Familienstruktur festigen kann, kann diese Opferbereitschaft von den Anhängern ermöglichen. Insbesondere freue ich mich, wie sie aufzeigen wollen, wie Jehova bei der Lösung von Alltagsproblemen behilflich ist. Auch hier lässt sich sicherlich eine enge Bande zwischen den Anhängern des Fußballs und ihrer Fangemeinschaft herstellen und großartige Weisheiten („Die Welt ist rund.“, „Eine Messe dauert 90 Minuten“, „Haste Sünde am Fuß, haste Sünde am Fuß“) austauschen und praktisch anwenden.

Aus diesen und zahlreichen weiteren Gründen nehme ich Ihre Einladung gerne an. Leider kann meine Teilnahme an diesem Event nicht ebenso kostenlos sein, wie das Ihrige. Ich denke, sie können dies ohne weiteres nachvollziehen! Daher gilt die folgende Preistabelle:

1 Tag: 500€
2 Tage: 1.000€
3 Tage: 1.250€.

Hinzu kommen noch die Verpflegungskosten, die pauschal mit 500€ abgegolten werden können, die Fahrtkosten sowie die Übernachtungskosten im Steigenberger Hotel Dortmund. Ich kann Ihnen gerne eine klassische Rechnung stellen, so dass Sie diese steuerlich absetzen können!
Voll Vorfreude auf den anstehenden Event verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Ihr

Platzebo

06
Mai
10

die macht der gewohnheit – ein theaterbesuch

“Morgen Augsburg” – der Ausspruch wird Programm und Erlösung für das Publikum, die Schauspieler und die Figuren des Stückes. So gekonnt inszeniert der Regiesseur Günther Beelitz “Die Macht der Gewohnheit” anhand einer Zirkustruppe. Sucht der jähzornige Direktor vollkommen verzweifelt sein Kolophonium hält ihm sein Jongleur ein Abwerbungsschreiben unter die Nase. Stolz träumt er von großen Auftritten in Frankreich, einer eigenen Show und letztlich die Abnabelung vom Trott des umherreisenden Zirkus.
Thomas Bernhard gelingt es die Absurditäten und Zwänge des Alltages in ein Theaterstück zu pressen und diese durch die Besonderheit einer Zirkus- Crew noch zu überheben. Sollten doch gerade sie in jeder neuen Stadt etwas Neues erleben, haben doch gerade sie die Chance zu einem steten Tapetenwechsel.
Doch hinter den Kulissen spielt sich der Alltag ab: Alltägliche Probe eines Schubertschen Stückes um die Konzentration und die Perfektion der Künstler aufrecht zu halten, so bildet es sich der alternde Direktor Caribaldi (gespielt von Andreas Weißert) ein, hilft dem Zirkus, sich selbst und insbesondere seiner Macht. Doch eigentlich hat er längst erkannt, dass die großen Momente seines Zirkus vorbei sind. Nur der Alltag, die Gewohnheit hindert ihn daran alles aufzugeben. Da hilft auch kein “Spaßmacher”, der seine Auftritte verpasst, ein Neffe, der von seinen wilden Tieren gebissen worden ist und nun selbst zu einem geworden ist, kein Jongleur, der vom Weltruhm träumt, seinen Direktor aber als Lehrmeister verehrt, und auch keine Tochter, die er – so scheints – in den Tod getrieben hat. Seine Aufgabe, Ziel oder Leidenschaft scheint sich allein in der Ausbildung seiner Enkelin (gespielt von Ulrike Beerbaum) zu konzentrieren. Artistische Perfektion und Konzentraion statt Literatur und Liebschaften sind sein Credo und setzt dieses ohne Gnade um.
Allen rettet tagtäglich nur die nächste Station. “Morgen Augsburg” ist der Hoffnungsschimmer und Drohkulisse zugleich. Was erwartet dort den Zirkus und seinen Mitgliedern? Wird es einen Arzt gegen Rheuma für den Direktor geben? Wird das Publikum kommen? Wird es etwas Neues geben?

Ein Stück, das den Zuschauer bewegen kann, die Macht der Gewohnheit zu durchbrechen. Zwänge des Alltages abzustreifen und sich nicht von einem eingefahrenen Team bestimmen zu lassen. Neue Wege zu gehen, Träume verwirklichen und loslassen können ist die Botschaft mit der das Publikum das Schauspiel verlässt. Es taucht selbst in den Alltag ein, findet sich den Charakteren wieder und freut sich diebisch auf Augsburg.

Mehr Kritik;
Ruhrnachrichten.de

01
Mar
10

anne clark: our darkness (total eclipse remix)

heute etwas zum abreagieren, kopf leer pusten.

16
Feb
10

fehlfarben: ein jahr (es geht voran)

Gestern nicht geschafft, nun aber schnell nachholen, der Track der Woche kommt diesesmal von fehlfarben.

25
Jan
10

die eintrittskarte mit bequemlichkeitszuschlag

Ein besonderes Leckerlie aus meiner alten Heimatstadt Meppen ist mir am Wochenende aufgefallen. Während die Kommunen überall klagen, dass ihre Bäder nicht ausgelastet seien und sie ein zu großes Minus fahren, geht die Stadt Meppen einen anderen Weg. Sie hat erkannt, dass Vielschwimmer sicherlich sportliche Menschen sein können, aber dennoch einen gewissen Komfort erwarten.
Warum also nicht eine Eintrittskarte anbieten, mit der die Schwimmergemeinschaft nur einmal zahlen muss und eine gewisse Anzahl an Eintritten auf einmal abgelten kann. Kein lästiges Kleingeldsammeln mehr, viel schneller ins Bad und nur ein einziges Mal von den 10 bzw. 30 Eintritten über den Automaten fluchen!
Damit wird eine höhere Auslastung erreicht, der Umsatz gesteigert und somit der Verlust verringert. Ja, soweit kenne auch ich das System aus anderen Bädern, Kommunen und Badeanstaltsanbietern.
Eine wahre Innovation ist es aber, dass jene Mehrfachkarten auch mehr kosten. Satte 7€ wird auf die 10er Karte draufgeschlagen. Statt 20€ für 10 mal Schwimmen (also 10X2€), kostet die 10er Karte nun 27€ (also 2,70€). Allerdings die 30er Karte ist günstiger als die 10er Karte. Sie kostet nur 73€, was einer Ersparnis von 8€ gegenüber dem Kauf von 3 Zehnerkarten bringt, jedoch 13€ teurer ist als der Einzelkauf.

Wahnsinn. Mein Komfprtzugewinn kostet mich gerade mal 7€ bzw. 14 oder nur noch 13€, wenn ich wirklich häufig schwimmen gehen will!

Danke, liebe Stadt Meppen!

Alles weitere lest ihr hier: Eintrittspreise Badeanstalten Meppen

14
Jan
10

Es muss Anfang Dezember gewesen sein, als ich in Münster an einer Glühweinbude stand. Es regnete immer wieder, die Menschen quetschten sich möglichst nah an den Tresen entlang und hatten dennoch gute Laune. Mit meinem Glühweingesprächpartner diskutierte ich etwas unerwartet über die politische Debatte zum Themenbereich Freiheit vs. Sicherheit und einem normalen und modernen Umgang mit “neuen” Möglichkeiten des Internets. Außer Frage, wir haben jeden Bereich angerissen und blieben doch letztlich beim Internet hängen.
Kinderpornografie, Netzsperren, Zensur, Geistiges Eigentum, etc.
Ich berichtete nur kurz, dass ich das Thema spannend finde, mir allerdings das passende Vokabular fehle, um ernsthaft und sicher Auftreten zu können. Insgesamt hätte ich ein difuses Gefühl von dem, was richtig und was falsch sei. So wäre ich davon überzeugt, dass die Netzsperren keinen Sinn machen und ein Instrument sind, dass für den Bereich der Kinderpronografie ersteinmal vollkommen zahnlos ist. Die Bekämpfung der Kinderpronografie hielt ich aber für richtig. Ich bekam Zustimmung und ganz nebenbei fast schon ein tiefgreifendes Referat über die Hintergründe und Gefahren für Demokratie, Freiheit und Gesellschaft. Beinahe populistisch pflichtete ich bei, dass es ja ein Skandal sei, dass ausgerechnet eine kleine Gruppe beim BKA entscheiden solle, welche Seiten zensiert werden sollten oder eben nicht.
Immerhin würden uns schließlich unterschiedliche Gruppierungen immer wieder zeigen, dass es online ein regelrechtes “Katz und Maus-” Spiel gäbe. Womit wir dann spätestens bei unseren Erfahrungen mit etwaigen Downloads von Musik und Filmen waren, die wir in unserer Jugend gesammelt haben. Bleibt mir noch heute ein Auspruch eines Freundes im Ohr “Napster ist tot, es lebe das französische Gegenstück”, welcher zugleich gut die Situation beschreibt. Das Gespräch drehte sich noch ein wenig weiter um die Möglichkeiten, die es tatsächlich geben würde und wie man sie anwenden könne.
Ich konnte allerdings keine sinnvolle Bewertung abgeben und zog mich schließlich darauf zurück, dass ich die Situation beobachten werde und mit Sicherheit kein großer “Internetpolitiker” (große Wortschöpfung!) werden würde. Die Vorkenntnisse derer, die sich Tag täglich mit diesem Thema auseinandersetzen würden, könnte ich nicht mehr aufholen.

Vor einigen Tagen lag eine Bürobesprechung an. Mein Chef diskutierte mit mir seine Homepage, die ich zu pflegen habe. Welche Dinge bleiben in der neuen Legislatur drin, welche sollen raus, wo ist noch Veränderungsbedarf. Wie haben sich seine Schwerpunkte verlagert und was verdammt macht er eigentlich thematisch im Rechtsausschuss JURI?
“Geistiges Eigentum und alles was damit zu tun hat” – “Echt?” – “Ja”.

So dreht sich alles und ich freue mich seitdem wie ein Schneekönig. Vielleicht werde ich doch noch ein “Internetpolitiker” – oder Don Quijote…

10
Nov
09

wie der netto meine frisur verhinderte

Neun Uhr. Der Wecker schrillte. Schnell hoch, das Handy alias mein Wecker drohte sich vom Schreibtesch, der drei Meter von meinem Bett entfernt stand, herunterzuvibrieren. Der Ton ist unausstehlich. Gute Wahl, denke ich bei mir. Doch wo war ich? Es war nicht mein zu Hause aber dennoch vertraut. Immerhin fand ich den Weg zum Schreibtisch noch bevor ich die Augen öffnete – ohne gegen Stühle, Mülleimer oder sonstiges bodenbelegendes Zeug zu stoßen. Ich orientierte mich, stellte fest, dass alles gut war. Es war kein fremdes Zimmer und keine fremde Frau oder Mann lag in dem großen Bett. Nein, da lag eigentlich gar niemand.
Neun Uhr also. Ich hatte mir vorgenommen aufzustehen -irgendwann letzte Nacht zwischen eins und zwei. Aber da ich nun einmal wach war, konnte ich auch duschen gehen und den Tag freudig beginnen. Zurück in dem Zimmer meines Schlafes durchsuchte ich meine Tasche. Ich fand sie nicht. Ich hatte nicht nur mein Duschgel vergessen sondern obendrein auch meine Bürste. Ein Blick in den Spiegel verriet: Eine Katastrophe. Ich sah aus, als hätte ich in eine Steckdose gepackt. Also zumindest glaubte ich, dass Menschen die in eine Steckdose fassen so aussehen müssten. Meine Haare standen zu allen Seiten hin. Bürste, Kamm oder eine Gabel, nichts war zu finden, mit dem ich meine Haare hätte richten können.
Also los, Mütze auf, Bürste, Kamm oder ähnliches kaufen. Ich wusste, dass 200 Meter entfernt ein “Plus” war. Auf dem Weg dorthin erinnerte ich mich an den Werbespruch von “Plus”. Also jenen vor den “Kleinen Preisen”. “Prima-Leben-und-Sparen”. Feststellend, dass man als Werbetexter offensichtlich mit den flachsten Sprüchen eine große Menge Knete einheimsen konnte, ärgerte ich mich zu allem Überfluss nicht nur über meine vergessene Bürste sondern auch über die falsche Berufswahl: Raumplanung. Statt viel Geld für wenig gelungene Einfälle steht mir wenig Geld bei genialen Plänen bevor. Wie ungerecht!
Verdammt, hier ist alles anders. Im Gegensatz zum morgendlichen Wecker-Aufstehen- Ritual fand ich mich nicht zurecht. Alles war anders – nichts vetraut. Das Obst stand mir nicht mehr lieblos aufgebarrt im Weg sondern steuerte meine Bahn hin zum Müsli. Ich wollte doch gar kein Müsli. Das Fleisch verbaute mir den Weg zur Milchtheke. Morgens um halb zehn so viel Fleisch vor der Milchtheke verdirbt einem sofort den Appetit auf Frühstück. Und warum war eigentlich alles so verdammt Gelb? Die Einkaufswagen meiner Mitmenschen, die Preisschilder an den Regalen, die Regalverkleidungen. Tine Wittler? Nein, die konnte es nicht gewesen sein, es war eher schnörkellos und der Boden ist immer noch im klassichen “Discounter- Fließen- Look” der 90er Jahre.
Da wurde mir klar, auch diese “Prima- Leben- und- Sparen” Filiale ist umgewandelt worden. “Netto”. Für einen Studenten ein ungünstiger Name. Zahle keine Steuern, liege den Eltern auf der Tasche und nutze den Staat überall aus. Das Wort “Netto” hat also für mich eine Bedeutung wie das Wort “Zahnseide”. Ich kenne es.
Ob es für “Netto” wohl bald auch so sympathische Werbesprüche geben würde? Vielleicht entlehnt sich auch jemand einen Spruch aus der Politik: “Mehr Netto vom Plus”. Nein, ich bin nicht zum Werbetexter geboren.
Doch wo waren denn nun die Bürsten geblieben. Ich fand die Drogerieabteilung. Zahnpasta, Duschgel, Zahnseide, Nassrassierer für Sie und Ihn, mit und ohne schwenkbarem Rasierklingenkopf – alles war zu finden. Sogar eine Schere für die Fingernägel hing an diesem wunderbaren Regal. Eine Bürste suchte ich vergebens. Da fühlte ich mich auf einmal alt. Es durchschoss mich wie ein Blitz oder eben der Strom, wenn man in einer Steckdose gefasst hat. Diesen Satz, den ich nie denken und schon gar nicht sagen wollte: “Früher war alles Besser. Da war es hier noch ein Plus und ich konnte eine Bürste kaufen.” Früher konnte der Plus neben dem Netto leben und der Edeka hat sich meist auch gefreut, wenn jemand vorbeischaute. Heute haben sich Plus und Netto zusammengetan und aus diesem Plus wurde Netto City. Aus meiner Bürste eine vergrößerte Auswahl an Zahnseide (gewachst, ungewachst, hart, weich, handgezwirbelt oder maschinell, blau, grün, rot). Aus einem Kunden mit positiven Lebensgefühl wurde ein Mensch, der das Brutto vermisste – seine Bürste.




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